Täglich schießt er ein Foto

Joachim Trautner führt ein optisches Tagebuch

Allgegenwärtige Handys, Internet und E-Mails prägen zunehmend den Informationsaustausch
zwischen den Menschen. Wir kommunizieren pausenlos, aber was bleibt davon? Gibt es in der Zeit flüchtiger Alltagskommunikation noch Archive persöclicher Erinnerung? In dieser kleinen Serie wollen wir Menschen vorstellen, die auf unterschiedliche Weise das Tagebuchschreiben pflegen.

Ein Bildband des Filmemachers Wim Wenders und eine Fotoausstellung über die Veränderung des Stadtteils Niederburg gaben den Ausschlag: Man musste den Wandel des Alltäglichen dokumentieren, dachte sich Joachim Trautner und nahm sich vor, jeden Tag ein Foto zu schießen. Der 44jährige Sozialarbeiter ist bei der Caritas Fachbereichsleiter für die sozialen Dienste. Er kommt viel herum, hat einen Blick für Unbemerktes, Menschen und Dinge am Rande. Seit mittlerweile sechs Jahren genießt er den selbst auferlegten Druck, täglich einmal durch den Sucher seiner Spiegelreflexkamera schauen und abdrücken zu müssen.

Mit ein paar Textzeilen versehen landen die Fotografien aus Trautners Welt in einem Album: Sein optisches Tagebuch. „Das kann einmal ein tolles Dokument werden, wenn ich’s durchhalte.“ Trautners Interesse ist weitgefasst: Er beobachtet den Umbau der Schnetztorkreuzung, die Zerstörung des Biotops um Saubach durch den Bau der Grenzbachstraße oder die Veränderungen auf Klein Venedig. Er setzt den Verwandtenbesuch aufs Sofa, legt die Titelseiten des SüDKURIER und der „taz“ am ersten Tag des Kosovokriegs nebeneinander und fotografiert das Essen, das in Lokalen und zu Hause auf den Tisch kommt.

Auf Dienstreisen nimmt Trautner Bahnhöfe und immer sein jeweiliges Hotelzimmer auf. „Das ist schon ritualisiert“, erklärt er die auf Jahre angelegte dokumentarische Absicht, den Wandel auch in solchen Details abzubilden. Fotografieren lernte der Mann aus dem Ruhrgebiet bei einem Verwandten mit Fotogeschäft. Zur Kommunion bekam er die erste Agfa-Klack“, jobbte später im Fotoladen und sparte dort die erste Spiegelreflexkamera zusammen. Heute ist eine schöne alte Leica Trautners ständige Begleiterin.

Ist sein fotografiertes Tagebuch so geheim wie ein geschriebenes? „Meine Frau Gertraud sieht’s regelmäßig und manchmal auch die Kinder, wenn sie mal auf einem Bild drauf sind“, verrät der Autor.  Die ersten zehn Jahre hat Joachim Trautner bald beisammen, bisher ohne einen Tag Versäumnis. „Einmal hab ich’s fast vergessen und dann um fünf vor zwölf noch schnell den Wecker neben dem Bett fotografiert.“

Quelle: Dr. Tobias Engelsing: Täglich schießt er ein Foto. Südkurier, Konstanz

P.S.
Begonnen habe ich mit dem Fototagebuch am 01.08.1994
und bisher jeden Tag ein Foto aufgenommen.

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